2.5 SIBIRIEN I

Östlich des Urals beginnt das sibirische Tiefland. Wir fahren bergab und plötzlich ist die Landschaft so platt wie eine Flunder. Schleswig-Holstein auf Russisch. Statt Birken-Tannen-Kiefern-Mischwald sehen wir ausschließlich reine Birkenwälder, abwechselnd gefolgt von Steppe, Sumpf und Weideland. Es gibt nirgends Zäune. Endlose Weite. Freiheit pur für alle Viehherden. Hoch zu Ross und mit Hütehund werden sie von einer Person zusammengetrieben. Wir spüren die kasachische Steppe, die sich nur 60 Kilometer östlich hinter Grenze befindet. Endlosigkeit in braun, gelbbraun, grün und grau so weit das Auge reicht. Ein schlanker Schornstein in einer braunschwarzen Wolke oder eine Hochspannungsanlage ragt jedoch fast immer irgendwo hinter dem Horizont hervor. Ganz einsam sind wir nie in Russland.

Wir durchqueren Cheliabinsk und Kurgan. Auf dem Weg dorthin vertrödeln wir zwei Tage auf einer Wiese umringt von Birken. Wir tanken Sonne und hören das Gras wachsen. Ein Fuchs besucht uns. Und die Plagegeister Sibiriens – Frau Mücke und Herr Zeck – fühlen sich bei uns auch wie Zuhause. Thomas versucht die Standheizung zu reparieren, die seit Tagen wie Rumpelstilzchen pumpelt. Danach funktioniert sie erst einmal gar nicht mehr. Als wir losfahren, liegt einer grüner Flaum über der Landschaft.

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Die nächste Großstadt in der weiten Tiefebene ist Omsk. Ganz schön isoliert, finden wir, denn zwischen Kurgan und Omsk liegen mehr als 500 Kilometer und bis nach Novosibirsk sind es sogar noch mehr. In Omsk wollen wir länger bleiben. Thomas möchte die Probleme mit den Blattfedern angehen und eine Werkstatt suchen. Die Bälge nach Omsk zu schicken, hat zeitlich nicht hingehauen. Zu lange haben wir gebraucht, um Versand, Kosten und Zollabfertigung zu klären. Außerdem sind die Bälge erst Anfang Mai in Rostock eingetroffen. Und wir sind schließlich für all das zu schnell gefahren.

Unsere "Gostinitzia" in Omsk

Unsere „Gostinitzia“ in Omsk

Das erstbeste Hotel aus dem Reiseführer ist auch unsere erste Wahl. Solide russisch und günstig. Die Frau an der Rezeption hat streng gemalte Augenbrauen, ist aber sehr freundlich. Wir wollen drei Nächte bleiben, weil wir nicht wissen, wie lange so eine russische Werkstatt mit unserem Anliegen zu tun hat … oder ob wir überhaupt einen Termin bekommen. Wir bekommen deshalb gleich ein Zimmer nach hinten raus, anstatt jenes zur Hauptstraße. Thomas fragt sie nach einer Werkstatt in unserem deutsch-russischen Miniwortschatz. Sie telefoniert sofort und wenig später kommt ein junger Typ, der weiß, wo es Werkstätten gibt. Thomas und er fahren sofort los. Ich teste derweil die Dusche und die Internetverbindung. Es ist 10:30 Uhr vormittags. Stimmt nicht, 11:30 Uhr. Wieder eine Zeitzonengrenze überschritten.

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Assumption Cathedral

 

Als ich gefühlt alles über die wenigen Sehenswürdigkeiten von Omsk weiß und ich mich mit Permafrostböden nun besser auskenne, höre ich Thomas’ Stimme im Hotelflur. Es ist  19:30 Uhr. Endlich! Habe mir schon Sorgen gemacht. Der junge Russe, der mit ihm mitgefahren ist, steht auch im Flur und wartet. “Ich erzähl’ dir alles später,” sagt Thomas hastig, “Komm schnell, ich würde gerne Essen gehen und ihn einladen.” Oh ja, denke ich, ESSEN. Wir schlagen ihm das Vorhaben vor, aber er möchte lieber zu Hause essen und wir sollen mitkommen. Auch gut. Draußen sehe ich unser Auto mit zusätzlichen Spiralfedern ausgestattet. Und wie hoch und waagerecht die Raupe wieder ist! Das haben die Männer toll gemacht! Ich bin begeistert. Wie sich das gehört, soll es Schaschlik geben. Wir kaufen ein: Bier, Brot und an der Schaschlikbude schönes Schaschlik – 5 Portionen. Wir haben ja Hunger.

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Die Männer kaufen Fleisch

 

Der Russe heißt Roman und wird am 10. Mai 23. Er wohnt in einem klassischen Holzhaus mit grünem Anstrich, blauen Fenstern und Wellblechdach mitten in Omsk. Das Haus gehört seiner Mutter. Die wohnt aber woanders, seiner Handbewegung nach zu urteilen. Mitbewohner sind zwei Hunde und eine dicke Perserkatze mit vier 3 Tage jungen Kätzchen. Der große Hund heißt Linda, der kleine Leo, die Katze … nein, schon vergessen. Der große Hund bleibt lieber draußen, der kleine nimmt in der Küche gerade Anlauf und springt hechelnd auf Thomas’ Schoß. Jetzt hockt er da, zwischen Thomas und dem Schaschlik. Die Katze bettelt wehleidig zu meinen Füßen. Ich bleibe eisern. Irgendwie schaffen wir drei es, zwischen Hund und Katze alles aufzuessen. Die Tiere sorgen für gute Stimmung. Wir unterhalten uns irgendwie mit Händen und Füßen und am besten mit Google Translator. Man kann ja über Google meckern wie man will, aber DAS ist wirklich eine tolle Erfindung zur Völkerverständigung! Wir erfahren, dass die Winterin Omsk mit -30°C sehr hart sein können, die Sommer aber genauso mit +30°C. Kontinentales Klima eben. Er arbeitet als Kurierfahrer und treibt viel Sport. Der Beweis ist ein muskulöser Vin-Diesel-Körper auf dem Desktophintergrund seines Laptops, dessen Kopf er mit seinem ausgetauscht hat. Jetzt müssen wir lachen. Er zeigt uns stolz die Kleiderschrankattrappe im Flur, hinter der sich zu Dreiviertel ein Schlafzimmer und ein Abstellraum befindet. Und er zeigt uns ein Foto seiner Mutter, dass an der Kühlschranktür hängt – „biuutiful“ – sage ich in meinem schlechtesten Englisch, damit Roman es versteht. Er grinst. Zur Feier des Tages hole ich die gute Lindt Pralinenschachtel hervor, die Thomas von Oma und Opa zum Geburtstag bekommen hat. Heute ist ein besonderer Anlass, sie anzubrechen und mit jemandem zu teilen! Roman kommt ins Schwärmen beim ersten Bissen. “Es ist wie Kindheit.”, sagt er. Wir blicken uns fragend an. “Die Schokolade schmeckt so wie in meiner Kindheit, als Verwandte mal Schokolade aus Deutschland mitgebracht haben. Gut, so guuut. Mmmmmh.” sagt er schmatzend und freut sich. Wir freuen uns auch.

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Entweder Holzhaus oder Platte

 

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Thomas und Roman

Wir verabreden uns für den nächsten Abend. Ob er weiß, wo ein schöner Ort ist? Ja, am Irtysch, dem Fluss, der durch Omsk fließt. Hier genießen wir den Sonnenuntergang mit Hochhauskulisse. Wir erzählen ihm, dass wir das so in Hamburg auch machen und sogar am Flussufer grillen würden. Wieso macht das hier keiner, fragen wir. “Da denken doch alle, man wäre bekloppt!”, meint er achselzuckend. Völlig unüblich. Thomas jedoch ist überzeugt, mit einem Schaschlikgrill könne Roman hier viel Geld verdienen.

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Abends am Irtysch

 

Am Samstag ist der 9. Mai. Es wird an das Ende des 2. Weltkriegs erinnert, nun mehr 70 Jahre her. Thomas freut sich auf eine pompöse Militärparade in Omsk – der Grund, aus dem wir länger bleiben wollten. Doch er wird hochgradig enttäuscht. Statt protziger Militärartillerie und Soldatenmärschen gibt es einen gähnend langweiligen Trauermarsch. “Ist ja alles in Moskau”, sage ich trocken, “was hast du erwartet?” Die gefallenen Verwandten werden mit stoischer Miene hochgehalten. Alle sind todernst, zumindest sieht es so aus.

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Zwischendurch stimmt jemand ein Lied an und alle brüllen „Hurra!“. Die halbe Stadt sieht sich das kleine Spektakel an. Landesfahnen und Militärmützen sind der Renner. Ein bisschen Geknatter aus einem Maschinengewehr gibt es dann doch für die Volksstimmung. Ist das laut! Ich bekomme eine Gänsehaut, denn die Menschen in der Ostukraine hören das seit mehr als einem Jahr ständig. Wie man das auch noch toll finden und feiern kann, ist mir schleierhaft.

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Am Ob

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Novosibirsker Stausee – Ostalgie

Wir halten am Stausee von Novosibirsk. Hier wird der Ob zur Energiegewinnung gestaut und der See im Sommer zum Badevergnügen genutzt. Metallschirme stehen im Strandsand und erinnern uns an „früher“, unsere Kinderspielplätze in der DDR, auf denen es manchmal auch solche Pilze gab. Wir spazieren mit heißem Tee und Banane in der Hand und beobachten einen Biber im Wasser. Was der hier bloß macht? Ich hoffe, er findet sein Zuhause wieder. Er wirkt fehl an diesem Strandabschnitt, der doch mehr für Menschen gemacht ist, als für Biber. Viele Familien grillen heute ausgedehnt Schaschlik am Ufer. „Sarah, fotografier‘ das doch mal, das muss ich Roman schicken!“, ruft Thomas begeistert.

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Der verirrte Biber

 

Ich möchte gerne eine Nacht am Ob verbringen. Deshalb fahren wir nur durch Novosibirsk, erhaschen Blicke auf moderne Hochäuser, gepflegte Grünanlagen. Garagenkolonnien wie zu Ostzeiten gibt es trotzdem hinter jedem Häuserblock.

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Wir biegen nordöstlich von Novosibirsk von der M53 auf eine staubige Schotterpiste ab. Es folgt raue Panzerstraße, dann eine abgenutzte Plattenstraße. Monströse Fugen und Löcher, blanke Stahlstreben ragen aus dem Beton. Eine ehemalige Militärstraße also. Sie führt durch sumpfigen Wald. Ein Gewitter zieht auf und wäscht die Luft rein.

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Unter den Birken blühen blaue Blumenteppiche. Es gurrt und murrt, krächzt und zirpt, flattert und raschelt überall. Es schallt und hallt im Wald. Manche Geräusche habe ich so noch nie gehört. Waldmusik. Wir atmen herrliche, frische Luft. Ich sehe so viel Schönes, will fotografieren, Thomas aber will weiter, denn es wird bald dunkel.

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Aus Panzerplatten wird bald eine Buckelpiste mit ausgefahrenen, tiefen Kuhlen. Unsere Raupe krabbelt einfach durch. Nach zwei Stunden erreichen wir ein kleines russisches Dorf mit braunen Holzhäuschen. Die Sonne scheint uns entgegen und zaubert eine romantische Abendstimmung. Wir fühlen uns um 100 Jahre zurückversetzt. Die Straße wird wieder besser, bis sie außerhalb des Dorfes zu Schotter wird. Es folgt Kiefernwald, aus dem die untergehende Sonne hervorblinzelt. Eine Reifenspur führt hinein. Wir können Wasser sehen. Wir steigen aus und können nicht glauben, wo wir da stehen. Am Ob. Was für ein Ort! Was für ein wunderschöner Ort am Ob nach all den vielen Birkenwäldern!

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10 Kommentare

  1. Kay

    Hallo Ihr Beiden,

    ich bin ganz hingerissen von Eurem Bericht und das vorletzte Foto am Ufer des Ob lässt mich ins Träumen kommen.
    Gerade ist das große Elchtreffen hier vorbei und das Fernweh groß.
    Macht so weiter und lasst uns ganz oft teilhaben.

    mit Grüßen von Kay, welcher sich nächstes Wochenende an und auf der Spree trösten wird.

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    1. Sarah und thomas

      Hallo Kay, es freut uns, dass wir Sehnsucht auslösen! Wir sind mittlerweile am baikalsee angekommen. Es ist eine traumhafte Landschaft. Russland aus dem Märchenbuch. Die holzfenstersammlung wird ab sofort wieder erweitert. 😉 euer 4×4 treffen schien ja gut besucht zu sein?
      Viele Grüße vom Baikalsee
      Sarah & Tom

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  2. motorang

    Hallo ihr beiden, der Bus hält sich ja brav bisher! Wie fährt es sich denn so zusatzgefedert? Wisst Ihr woher die Federn stammen?
    Weitere Fragen im Mittwochsquiz; welchen Durchschnittsverbrauch habt Ihr denn so bei 90 km/h und welchen Kilometerstand hat der Bus jetzt – sind die 300.000 schon voll?
    Ich wünsch Euch weiterhin eine schöne Zeit!
    Gryße!
    Andreas, der motorang

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Moin Andreas,
      Eigentlich will ich (Thomas) noch alles ein wenig ausführlicher zu Pleiten, Pech und Pannen schreiben. Aber die Verbindung ist gerade verdammt gut, das will ich nutzen :-). Die Raupe fährt sich butterweich. Die federn sind sicherlich gebraucht und haben sich schon auf den blattfedern richtung Fahrzeugheck bewegt, also mit dem Hammer wieder rein und zurrgurt drum. Das hält fürs erste. In der Mongolei hoffe ich auf fachmännische Hilfe von deinem deutschen „tip“. Leider machen sich neben dem im Forum beschriebenen Knacken erheblich Starterschwierigkeiten bemerkbar. Zündung passt, ales läuft bis auf der Motor- Starter? Durchschnittsverbrauch auf Pisten gerne mal 14L, auf der „M“ normal 12L. Die 300.000 werden wir zeitnah knacken. Das wird dann kräftig gefeiert. Schöne Grüße nach Österreich. Thomas und Sarah

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  3. Steffi

    Liebe Sarah und lieber Thomas……Tausend Dank für diese tollen Reiseberichte und wunderbaren Fotos…..ich fahre so zu sagen mit……herrlich……gefällt mir richtig gut. Vorallem wie Sarah alles beschreibt. Manches erinnert mich an meinen eigenen Besuch in der damaligen Sowjetunion…..irgendwie sieht ja alles noch genau so aus, als hätte sich nix verändert……unglaublich. Die Honigstände fand ich auch immer toll, man konnte ganze Waben kaufen und auslutschen……LECKER ! Und auch an die alten Ziehbrunnen kann ich mich noch erinnern…..aber das dies nach 30 Jahren immer noch so ist……irre. Ich bin in freudiger Erwartung auf eure nächsten Berichte und Fotos…….lalalalalalalalalalalala…..ich wünsche euch weiterhin eine erlebnisreiche Reise und begleite euch….. Einfach toll !!! Ich drück euch…..Gute Fahrt mit eurer Raupe !!! Liebste Grüße aus Hamburg….eure Steffi

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  4. Udo

    Hallo ihr beiden,

    ich bin ganz begeistert von euren Reiseberichten. Vieviel Kilometer seid ihr denn schon gefahren ?
    Schöne Grüße von der Nordsee !!

    Udo

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Vielen Dank Udo!
      Wir haben uns eben etwas erschrocken bei der Rechnung der Kilometer: Es müssten jetzt (einschließlich Baikalsee) mehr als 9000 km sein.

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  5. Kirstine Fischer

    Liebe Sarah,lieber Thomas und treue Raupe,
    alles sooo fantastisch – danke ihr lieben – wir fahren alle irgentwie mit…
    es ist wie in den schoensten Buechern – als sei man mittendrin – live – direkt.
    Denke taeglich an euch und freu‘ mich mit.Manolo liest in spanisch…
    Ich begleite euch mit Vergnuegen und danke dem Schreiberling und euch zweien,die
    es ja moeglich machen!!Drueck euch dolle und viele Bussis!!!! und Engel und Glueck auf d.Reise.Bei uns war 4 Tage Kalima u.danach nur unglaublich starker kalter Wind binnen 2 Wochen EXTreme.Kussi.Mutti

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Hola Mutti, das ist schön, von dir zu hören! Ist denn das Spanische für Manolo zu verstehen? Ich hab die Übersetzung extra für ihn eingebastelt, aber wie das so ist, bei Übersetzermaschinen, man weiß nie, was dabei heraus kommt.
      Apropo Kalima: es ist zwar nicht heiß hier, aber vorgestern hatten wir einen gehörigen Sandsturm im Barguzin Tal miterlebt. Da musste ich an euch und den Kalima denken. Was für ein Zufall, dass ihr gerade einen hattet und du auch noch schreibst. Das ist ja wie immer Gedankenübertragung! Leider ist hier auch alles sehr trocken. Die Regensaison haben wir wohl hinter uns gelassen. Aber wir merken, dass der Boden und die Pflanzen sehr durstig sind. Die Nationalparks werden jetzt sogar gesperrt. Lieben Gruß an die Fuertelöwin und den Manolo

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      1. Ellis

        Hola Kirstine, liebe Grüße aus dem noch recht kalten Deutschland . Leider sind die warmen Tage sehr rarr. Freuen uns auch immer auf neue Berichte und auch tolle Fotos von den
        rasenden Reportern, mal sehen was noch alles kommt….

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