1.1 IM OSTEN DER EU I

Die Luft ist morgens knackig kalt. Wir können unseren Atem in der Luft sehen. Die Nase ist rot. Genauso wie die Finger, die das eiskalte Besteck anfassen müssen. Die Kälte zwickt und zwackt in unseren Gliedern. Frühling? Nur die Vögel, die um uns in den Bäumen aufgeregt zwitschern, scheinen zu wissen, dass er bald kommt. Wir hingegen spüren nichts davon.

Auf der Weiterfahrt nach Danzig lukt die Sonne zwischen den Wolken durch. Ein Hauch von Frühling liegt über der polnischen Lanschaft. Erstes Grün sprießt aus dem Boden und den Sträuchern. Aber es wird immer weniger, je weiter wir gen Osten fahren.  Und es kommt stürmisch von der Seite. Alle überholen uns auf der A6/E28, nur der Frühling nicht. Schade.

In Danzig begrüßt uns eisiger Regen bei 8°C. Es ist später Nachmittag und wir sind ausgehungert auf der Suche nach einer Toilette, Essen, einem Schlafplatz und einer Tourist-Info.
Auf diesen Teil der Reise haben wir uns nicht sonderlich gut vorbereitet. Da die Etappe von Polen an die russische Grenze nur knapp 1 Woche dauern soll, haben wir auf Kartenmaterial verzichtet. Lediglich der 15 Jahre alte ADAC-Straßenatlas vom Vorbesitzer des Autos, der seine besten Tage hinter sich hat, dient uns als Orientierung.
Nach Auskunft der freundlichem Dame hinterm Thresen landen wir auf dem Campingplatz Stogi, ein paar Kilometer östlich der Innenstadt und direkt hinter den Dünen. So schnell wollten wir eigentlich noch nicht für eine Übernachtung zahlen. Doch die sehr heiße, wärmende Dusche beherrscht unsere Gedanken, so dass wir diesem Argument nicht widerstehen können.

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Die Altstadt markiert das historische Herz von Danzig. Und es ist wunderschön! Die Architektur und Giebel der Gebäude erinnern uns an unsere Heimatstadt Rostock. Die filigranen Fassadenmalereien und ausbleichenden Anstriche und allerei Verzierungen machen den Charme aus. Wir schlendern kreuz und quer durch die Stadt, immer dem sonnigsten Fleckchen folgend. Auf der Treppe des Rechtsstädtischen Rathauses verdrücken wir in der Sonne unsere ersten Pirogen. Für einen Moment ist es windsill, die Sonne glüht auf unseren Wangen – ja, jetzt ist vielleicht auch hier Frühling!

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Beflügelt von diesem herrlichen Wetter wollen wir zur Westerplatte fahren und mal ordentlich die Beine vertreten. An das lange Sitzen im Auto müssen wir uns noch gewöhnen. Mit Bus und Tram donnern wir durch die Stadt. Es schaukelt und wackelt. Die Gruppe betrunkener, junger Polen purzelt durch den halben Bus, ihre drei Plastikflaschen mit brauner Flüssigkeit trotzdem immer noch gut im Blick.

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Der Beschuss des polnischen Munitionslagers am 1. September 1939, dass auf der Westerplatte stationiert war, gilt als der Beginn des 2. Weltkrieges. Seit 1966 erinnert ein riesiges Denkmal an dieses Ereignis und dessen Verteidiger. Außerdem ist es eine ausgezeichnete Erhebung für Touristen, verliebte Paare, Familien (und betrunkene Polen), die Aussicht auf den industriellen Hafen zu genießen und sich eine steife Brise um die Nase wehen zu lassen. Nach 1 Stunde geht es mit dem Bus zurück. Wir verirren uns beim Umsteigen und müssen zu Fuß zur nächsten Haltestelle laufen. Wir gehen an riesigen Kleingartenanlagen vorbei, die aus wackeligen Häuschen bestehen und deren Boden nur darauf wartet, endlich bestellt zu werden. In der Ferne prangen Plattenbauten mit neuem Anstrich. Marode Straßenbahnschienen laufen neben uns, die zurzeit ausgewechselt werden. Es liegt ein Gefühl von Aufbruch über der Stadt, ähnlich wie bei uns nach der Wende. Straßen werden stückweise erneuert. Gebäude werden renoviert, bekommen Wärmedämmung und neuen Putz. Moderne Autos, Busse und Straßenbahnen fahren auf den Straßen. Aus Alt wird langsam Neu. Willkommen in der EU!

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Am 18. April sagen wir der Ostsee „Tschüß!“. Nach dem Abendessen machen wir einen letzten Spaziergang ans Meer, bevor wir es ganz lange nicht mehr wieder sehen. Wir sehen den Drachen im Wind und einer Polin zu, die sich bekleidet mit Leggings und BH bei luftigen 8°C vor ihrem Freund posiert und sich fotografieren lässt. Dort ist mit Sicherheit der Frühling angekommen!

 

1 Kommentar

  1. Kirstine

    Ihr zwei lieben, ich bin begeistert von allem…
    Habe zwar rueckwaerts gelesen – aber auch das ist
    wunderbar – wie in tollen Buechern – beim Lesen
    bin ich mittendrin… als waere ich direkt dabei,
    ich fuehle die Kaelte,auch wenn sie nicht da ist,ich sehe die
    Stoerche auch ohne Foto,ich befinde mich im grauen Schneematsch bei 8Grad,
    sehe alles schoene mit euch…und Gdansk erinnert mich an meine Handballzeit
    in Rostock,herrlich schoen!!Bin immer mit euch in Liebe!!!

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