2.0 GRENZGESCHICHTEN

ZILUPE, 22. April 2015 oder EUROPA – RUSSLAND

Entsetzt stehen wir mitten im Grenzübergang von Zilupe, zwischen Lettland und Russland. “Nicht gut, gar nicht gut.”, sagt die rundliche, blonde Dame im Häuschen der Zollabfertigung. “Sie sind zu schwer. Nur 50 Kilo pro Person. Sie haben mehr als 50 Kilo pro Person. Hier, schreiben Sie auf, wie viele Kisten Sie haben. Dann wird gewogen. Wenn mehr als 50 Kilo, dann jedes Kilo kostet 1 Euro.” Wir schlucken. Damit haben wir nicht gerechnet, mit allem anderen, aber damit nicht. Das irgendwas mit den Unterlagen nicht stimmt, etwas fehlt, oder aller Inhalt des Autos heraus geräumt werden muss. Aber nein, wir sind zu schwer. Blöd nur, dass Thomas vorher auf die Frage “Wie viel haben Sie denn dabei?” aus dem Hut heraus “Keine Ahnung, 300 Kilo.” rief. Ui, da hatten Sie uns nun am Wickel. Falsche Antwort, gaaanz falsch.

Nervös und schwitzend hantieren wir mit den auszufüllenden Formularen der Zolldeklaration rum und versuchen alles richtig einzutragen. Wir sollen jeder einen Zettel ausfüllen. Natürlich machen wir Fehler, streichen durch oder machen ganz falsche Angaben. Was haben wir eigentlich alles mit? Wir händigen der Dame unsere Formulare aus. “Nicht gut. Gaaarrr nicht gut. Sie müssen ordentlich schreiben, ohne Fehler.” Sie streicht in den Formularen alles an, was falsch ist und händigt uns neue Formulare aus. Höflich erklärt sie uns, was wir wo einzutragen haben. “Was sind denn “indivisible goods”?, fragt Thomas. Da stand nämlich was mit “mehr als 50 Kilo oder mehr als 1500 Euro Wert. “Ja, das sind die Sachen, die Sie bei sich haben und deklarieren müssen.” Wie zwei Doofe gucken wir sie an. “Haben Sie denn nichts zu deklarieren?” Immer noch Stille. “Bier?” Wir nicken. “Mehr als 3 Liter?” “Nein, weniger.” Sie schaut uns skeptisch an. “Zigaretten?Alkohol? Whisky?” Wir schütteln wieder wie zwei unschuldige Kinder die Köpfe. Im Häuschen kichern schon die Beamten, die alles mithören. Nicht mal Whisky haben die dabei?

Dann soll ich trotzdem auf der Rückseite des Formulars aufschreiben, was genau in den Kisten ist und wie viel was kostet. Naiv wie ich bin, schreibe ich: Kleidung, Hygiene, Medizin, Schuhe … Stückzahl, Geldwert. Wahrscheinlich will Sie ganz andere Dinge von uns wissen, aber egal. Mittlerweile sind schon 45 Minuten an dem Posten vergangen. Eine Schlange hat sich hinter uns gebildet. Die Leute sind genervt. Warum dauert das nur so lange?

Thomas versteht auch nur noch Bahnhof, so wie ich. Von maximal 50 Kilo, die man pro Person nach Russland einführen darf, haben wir nirgends etwas gelesen. Plötzlich haben wir alles Gelesene über Grenzübergänge vergessen. Dass wir Teil des großen Schmiergeldspiels geworden sind, haben wir nicht auf dem Schirm. Dafür spielen wir das Spiel trotzdem ganz gut mit. Thomas erklärt der blonden Dame am Schalter immer wieder, dass er die Regulierung mit 50 Kilo nicht versteht, noch nie gehört hat und wir doch in Russland campen wollen. Da benötigen wir doch alles, was wir haben. “Ich verstehe”, sagt die Dame. Sie trägt sehr viel Make Up im Gesicht und pinkfarbenen Lippenstift auf den Lippen. “Ich verstehe sehr gut. Aber so sind die Regeln.”, und tippt auf eine Seite in ihrem Hefter, die sie uns zeigt. Tatsächlich, da steht sogar der Kilopreis. Na, ob das offiziell ist? “Sie können ja nach Lettland zurückfahren, oder nach Hause, und lagern Ihre Sachen und kommen wieder zurück.” Uns klappt die Kinnlade runter. Nein, das geht auf keinen Fall. “Ich kann Sie hier nicht durch lassen.”, sagt sie und bearbeitet schon die nächsten Leute.

Mittlerweile diskutieren wir über 1 Stunde mit ihr. Zwischendurch stiefelt sie um unser Auto, inspiziert die Markise auf unserer rechten Seite,um uns zu bestätigen, dass wir definitiv zu schwer sind. Wieder bekommen wir neue Formulare, jetzt zum 4. Mal. Thomas erklärt ihr, dass es dann ja wohl das erste und letzte Mal ist, dass er nach Russland gefahren ist. Die Reise ist dann wohl hier zu Ende. Die nächsten Minuten habe ich nicht mitbekommen, weil ich versuche, unsere Visaagentur zu erreichen. Plötzlich gibt Thomas  mir zum 5.Mal ein Formular mit den Worten: “Hier. Kopier’ das Formular in das leere, genauso, wie es da schon ausgefüllt ist.” Dann reicht er das und ein Weiteres der Dame mit den pinkfarbenen Lippen zurück. Grimmig stempelt sie beide ab und händigt uns eins mit unseren Pässen wieder aus. “…. according to russian law.” hören wir noch auf Englisch von ihr, aber den Rest haben wir schon nicht mehr verstanden. Wir dürfen weiter. Ohne Motorkontrolle, ohne Gewichtkontrolle, ohne jede weitere Kontrolle. Die Schranke hebt sich. “Du, wir haben’s geschafft! Wir sind drin.” Ungläubig schauen wir uns an. Langsam rollen wir aus dem elendig langen Grenzstreifen auf die M9 in Richtung Moskau.

Alle Gespräche fanden mehr oder weniger auf Englisch statt. Formulare wie Registrierungskarte und Zolldeklaration gab es auch auf Englisch. Die Beamten waren recht höflich. Selbst die blonde Dame mit den pinkfarbenen Lippen. Deshalb kamen wir nicht im geringsten auf die Idee, irgendjemandem einen Obolus zu zahlen. Das wurde uns erst hinterher klar.

5 Kommentare

  1. Elli´s

    Da sitzt man nichtsahnend auf der Couch, guckt Krimi und dann habt ihr
    den besten Krimi den man aber bestimmt nicht braucht?
    Deswegen seit ihr also so schnell von der Grenze weg und an Moskau vorbei
    :-)….
    Entsprechende Scheine solltet ihr sicher bereithalten, da halten bestimmt noch mehr die Hände auf.

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    1. Panjko

      Hallo !
      Solche Spielchen solltet Ihr nicht so Ernst nehmen,die Beamten halten es ähnlich.
      „Entsprechende Scheine solltet ihr sicher bereithalten,…“, bloß nicht ! Zahlt keinem Schmiergeld ! Nehmt Euch Zeit und wenn Ihr nichts Falsch gemacht habt,wird sich die Sache von allein erledigen.
      Gute Reise Panjko

      Antworten
  2. Kay

    Hallo Ihr Beiden,

    ich bin mir, nach Lesen Eures Berichtes zum Grenzübertritt, nicht sicher ob Ihr nicht mit versuchtem Bakschisch, noch größeren Ärger bekommen hättet, so etwas gilt es sehr vorsichtig zu entscheiden.

    Zu allererst sind Zöllner sehr gewissenhafte Beamte und dies mögen sie auch immer sehr deutlich zeigen und fühlen lassen. Merke, je mehr Beamter desto unwharscheinlicher der Bakschischerfolg.

    Nach lesen der wirklich offiziellen Grenzvereinbarung (gilt evtl. auch für die nächsten Grenzen) war ich auch erst sehr verunsichert, was alles angegeben werden muß, tendiere aber inzwischen zu „nur eventuell zuverzollender Ware“.

    Ihr solltet solche Formulare in Zukunft in umgekehrter Art ausfüllen mit Tendenz zu garnichts bis nur ganz wenig Schreiben (z.B. 1,5 Liter Bier) um bestenfalls noch etwas dazu schreiben zu müssen.

    Das spart Zeit und Papier. Und nie vergessen, die glauben zwar am längeren Hebel zu sitzen, aber die wollen Euch auch los werden. Also Ruhe und zur Not auch gelangweilte Kaffeepausenruhe demonstrieren, dann klappts auch mit den Zöllnern.

    mit Grüßen von Kay

    Antworten
    1. Panjko

      Hallo !
      Euer Problem war einzig das Ihr die Regeln nicht gekannt habt : „300 Kilo Gepäck“,das musste daneben gehen.Ihr hättet sagen sollen : ´30 Kilo pro Person´und auf weiter Nachfrage : ´Der Rest sind Teil,Werkzeuge,Kanister usw. für das Auto´.Bei echten Autotouristen kommt auf die Zolldeklaration das Auto und sonst nichts.
      MfG Panjko

      Antworten
      1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

        Moin Panjko,
        In 5 wochen steht uns schon die nächste einreise nach russland bevor. Dann werden wir berichten. Backschisch? Wer mich kennt weiß, ich lebe gerne auf Sparflamme 🙂

        Antworten

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