2.1 GRENZE – TVER – SUSDAL

Wir nehmen Kurs auf nach Tver. Circa 450 km sind es bis dorthin. Dort beginnt der Goldene Ring rund um Moskau. Tver ist eine typische russische Stadt mit ein paar hübscheren Gebäuden, aber nichts Besonderem. Außerdem fließt hier die Wolga, der längste Fluss Europas. Sie wird uns voraussichtlich bis Kazan noch knapp 1000km begleiten. In Tver wollen wir uns in einem Hotel registrieren, ausgiebig duschen und die ersten Eindrücke Russlands auf uns wirken lassen.

Die Straße nach Tver ist leer. Wir hatten mehr Verkehr erwartet. Der westlichste, russische Landstrich, den wir durchqueren, gleicht jenem in Lettland: Birken- und Nadelwälder, Felder und Brachland, zwischendurch windschiefe Holzhäuschen. DAS ist also die direkte Verbindung nach Moskau. Ziemlich öde und schnurgeradeaus. Aber leider nicht so warm wie Australien.

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Alles ist grau und braun.  Kein grünes Blättchen, kein grüner Grashalm zu sehen. 8°C Außentemperatur und Sturm. Hier weicht der Winter nur langsam. Zu später Stunde wird es noch grauer, denn Wolken und Nieselregen ziehen auf. Statt blauem Himmel und Sonne, die die Landschaft noch in abwechslungsreiche Gelbtöne tauchte, ist nun wirklich alles um uns in Grau. So grau wie der Boden, so grau ist auch der Himmel. Und die Bäume dazwischen auch. Straßenkötergraubraun. “Ich habe noch nie so graue Bäume gesehen! Das gibt’s doch gar nicht!”, sagte ich entsetzt. Offenbar schien Russland sein erstes Klischee für mich voll zu erfüllen: Es ist ein graues Land.

Die Städte, durch wie wir fahren, sind trostlos und staubig. Der Sand, der im Winter gestreut wurde, weht jetzt feinpuderig durch alle Straßen und kriecht in jede Ecke. Die Architektur wird immer industrieller und hässlicher; wir können unseren Augen kaum trauen. Ansonsten bieten sich nur Tankstellen als Farbtupfer in dieser grauen Soße. Und von denen gibt es reichlich! Der Verkehr wird dichter, je näher wir Moskau kommen. Es wird gedrängelt und geschnitten auf den Straßen. Es stinkt nach schlechtem Benzin. Ein süßlicher Geruch ist das, der uns nicht mehr aus der Nase geht, seit wir den Sprit getankt haben und unsere Standheizung damit morgens läuft. Sobald es warm im Auto ist, können wir auch gleich wieder die Fenster und Türen aufreißen, um zu lüften.

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Teddystraßenrandladen

 

23. April 2015

Unsere Hotels in Tver, die wir uns im Internet herausgepickt haben und halbwegs erschwinglich sind, sind leider ausgebucht. Ich hätte doch mal vorbuchen sollen! Wir suchen analphabetisch nach einer neuen Bleibe. Auf dem Weg in die Stadt entziffern wir “Bank”, “Kaffee” … “Hotel”. Wir haben die Wahl zwischen billig und todschick. Am Ende hat “todschick” gesiegt, denn die Dame an der Rezeption vom “Gubernator” spricht Englisch. Das ist sehr hilfreich, denn wir wollen wissen, wo wir eine russische SIM-Karte kaufen können. Der Zimmerpreis geht so. In dem billigeren Hotel Central, sind wir mit unserem Englisch-Deutsch-Russisch-Irgendwas nicht sehr weit gekommen, obwohl die Frau dort wirklich sehr nett war.

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Wir und das Wetter in Tver

In Tver lernen wir viel über den Zustand der russischen Infrastruktur: Wir begutachten altertümliche Straßenbahnen und erstaunlich große Rostlöcher in Bussen. Wir bewundern tiefste Schlaglöcher und seltsam auseinander driftende Straßenbahnschienen. Wir lachen, als eine gelbe, rostige Straßenbahn im Schneckentempo einen Hügel erklimmt und über rissige Schienen rumpelt. Der Stromabnehmer wackelt dabei lustig hin und her, als könne er gleich herunterfallen. Bei düsterem Regenwetter hatte es Endzeitstimmung. Wir inhalieren süßlichen Benzingeruch bis wir ein leichtes Kratzen im Rachen spüren. Und staunen über die russischen Frauen, die aufgetakelt – egal, ob im Regen, im Schmutz, im Gestank, im tristen Grau der Stadt – mit knappem Minirock und in dünnen Strumpfhosen auf ihren 10 cm hohen Stöckelschuhen einher stolzieren, als käme gleich der Frühling um die Ecke.

Sie gibt es noch, die alte Tram

Sie gibt es noch, die alte Tram

Einen Tag später

… umfahren wir Moskau auf dem Weg nach Susdal. Die Straßen sind mal gut und mal schlecht. Schlaglöcher sind Gang und Gäbe. Diesen bei 80km/h auszuweichen ist schon eine Kunst! Ich bewundere Thomas. In einem Dorf entdeckt er am Straßenrand einen alten, krummen Mann, der an einem Brunnen seine Blechkannen voll mit Wasser füllt. Hier halten wir, um auch unsere “Kannen” zu füllen. Dieser Brunnen ist ein hellblaues Stahlrohr mit einem Hebel zum Pumpen, das aus dem Erdreich ragt. Als die Blechkannen gefüllt sind, zieht der alte Mann sie mit einem armseligen, quietschenden Wägelchen schlurfend zu seinem Holzhaus. Sprachlos schauen wir ihm nach. Während der Fahrt machen uns noch andere Dinge sprachlos, zum Beispiel Ferrero, Media Markt, und, wer hät’s erwartet? Niemand: einen Globus-Supermarkt. Wer jemals geglaubt hat, der Brinkmannsdorfer Globus in Rostock wäre einmalig, der hat falsch gelegen. In Vladimir steht er und es gibt haargenau die gleichen Produkte. Sogar Pizzaschinkenbrötchen!

IMG_3297_blogIMG_3300_blogDSC_5761_blogSusdal gefällt uns, trotz des schlechten Wetters. Zwei Nächte schlafen wir am Nachbardorfrand östlich von Susdal auf einer Wiese mit Kiefern, obwohl es in Susdal auch einen Campingplatz gibt. Die Hotelkategorie in Tver hat uns für’s Erste aber gereicht. Zu allem Überfluss schneit es jetzt. Das russische Wetter verlangt uns Einiges ab: der Morgen mit sonnig-milchigem Himmel wirkte vielversprechend, doch jetzt ist es bitterkalt und stürmt. Zögerlich und dick eingepackt machen wir uns auf den Weg. Susdal verzaubert mit seinen vielen Kirchen und Zwiebeltürmchen. Die Stadt gehört zu den ältesten Russlands und auch zu den durch Touristen meist besuchten Städten des Goldenen Rings. Kein Wunder, denn sie wirkt wie aus einem Märchen. Die Kutsche von Aschenbrödel findet sich auch bald in einer Seitengasse. Vermutlich heiraten deshalb so viele Paare hier. IMG_3320_blog

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Wir gehen zum Kremlin und bewundern die Mutter-Gottes-Geburts-Kathedrale mit ihren stolzen blauen Zwiebeltürmen. Im Innern schimmern die Heiligenmalereien in purem Gold (oder vielleicht doch Messing?). Überhaupt sieht jede Kirche bzw. jedes Kloster wunderschön aus. Mir haben es auch die Fensterrahmen der russischen Holzhäuser angetan, manche mit reichen Verzierungen. “Wieviele willst du denn noch davon fotografieren?”, fragt Thomas. “Nur noch dieses hier.” rufe ich und weiß insgeheim, dass da noch einige hinzukommen werden!

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Thomas hingegen schielt immer wieder auf eingemachtes Gemüse in großen Gläsern, die die russischen Frauen den Touristen andrehen wollen. Ihm tun die alten Damen leid, wie sie da im Schneeregen sitzen und uns versuchen Marmelade und eingemachte Gurken zu verkaufen. “Du, guck mal, was sind denn das für komische runde Dinger da? Sieht aus wie Augen …”, flüsterte Thomas an meiner Seite. “Das sind eingelegte Pilze.” erwiderte ich trocken. “Bääh! Igitt!” macht er da, und geht weiter.

In Susdal bemerken wir, dass unser Guthaben auf der SIM-Karte leer ist, die wir in Tver gekauft haben. Nach 2 Tagen! In einem Telefonladen finden wir mit den drei Jungs hinterm Ladentisch, Wörterbuch, Google Translator und Zeichensprache heraus, dass wir eine SIM-Karte mit Tarif für Tver gekauft haben, anstatt für ganz Russland. Deshalb ist die Nutzung des Währungsrechners  also so teuer. Wir bringen die Jungs ganz schön ins Schwitzen. Eine neue Karte muss her. Über Google Translator verständigen wir uns ansonsten schweigend, aber grinsend. Einer tippt auf Russisch in sein Handy, die Übersetzung auf Deutsch wird uns gezeigt. Wir sagen entweder “Da” oder schütteln mit den Köpfen. Unsere russische Aussprache versteht sowieso keiner, haben wir festgestellt. Irgendwas machen wir falsch. Sogar unser Wörterbuch ist doof, findet Thomas: “Nicht mal –kostenlos- steht drin.”

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7 Kommentare

  1. kathrin.behling

    Sawadee-ka aus Thailand 🙂

    Ihr seid ja schnell unterwegs. Es macht Spaß eure Zeilen zu lesen, also weiterhin gute Fahrt!

    ลาก่อน สำหรับตอนนี้!
    Kathi und Sven

    PS: Die russischen Teddys scheinen sehr beliebt zu sein und hängen hier auch in großer Anzahl im Baum! 🙂 also falls ihr noch Platz im Auto haben solltet, gibt es hier reichlich Abnehmer…

    Am 28.04.2015 um 06:43 schrieb http://www.90kmh.de:

    Antworten
  2. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

    Hey ihr Beiden,
    Seit ihr immer noch in Bangkok?
    Ein Platz ist noch frei im Auto aber der kann nur in Russland besetzt werden, danach müssten wir den Teddy zur Adoption freigeben, damit der andere deutsche kleine Teddy Platz hat. Sehr geil fanden wir in Suzdal übrigens auch die Panzerwagen-Hausschuhe 🙂

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  3. Elli´s

    Hallo Kathi, aber warum hängen die die Teddy´s an die Bäume ???
    Ich wäre vorsichtig beim Ausführen von Spielwaren, fragt lieber vorher die nette Dame von der Einreise, die hat bestimmt was dagegen 🙂
    Ach ja und schmecken denn dort die Pizzabrötchen ???

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  4. Chrissi

    Hallo ihr Lieben,
    Bin bereits großer Fan von eurem Reisetagebuch. Es ist toll euch zu folgen und an euren Erlebnissen teil zu haben. Daher vielen Dank für die Einladung.
    Freue mich auf weitere spannende Geschichten.
    Viele Grüße aus der nun ganz alten Heimat,
    Chrissi und Männer

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  5. dirk

    Moinmoin ihr beiden,

    ihr macht ja richtig Meter! Es macht total Spaß euch hier zu begleiten. Ich ertappe mich am Ende jedes neuen Beitrags dabei, wie in einem guten Buch umblättern zu wollen….aber die nächste Seite fehlt noch….und dann warte ich schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung! Ihr solltet da am Ende eurer Reise echt überlegen ein Buch von zu machen! Echt toll geschrieben und superschöne Foto´s!
    Weiterhin eine gute und pannenfreie Reise!
    LG Dirk
    Ps: Und immer brav Wasser und Öl beim Elch im Auge behalten! 😉

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  6. Kay

    Hallo Ihr Zwei,

    Euer Tagebuch ist wirklich toll.

    @Sarah, lass Dich von Thomas nicht beeinflussen, mir haben es die Fenster auch angetan, davon könnte es mehr Bilder geben…. ;o)

    @ Thomas, schon wieder schreibt Sarah 2x vom Benzingeruch. Du hättest hier vor der Reise Vorsorge treffen sollen. Täglich ein Tröpfchen des „gewählten“ Parfums hinters Ohr und die Geliebte gewöhnt sich schneller an die arteigene Note.

    mit Grüßen von Kay, dessen Püppi sich bestenfalls freut, wenn seine Nägel einmal keine schwarzen Ränder haben und die Hosen fleckenfrei sind …. – alles eine Sache der Gewohnheit

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      In der Tat bleibt dieses herrliche Odour unser stetiger Begleiter, und wenn es nur eine nicht-funktionierende Standheizung ist. Da braucht es tatsächlich einen ganzen Duftbaum und kein Bäumchen für eine andere Note!

      Antworten

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